Ausstellung „Tracht oder Mode“ im Textilmuseum eröffnet

Foto: Stadt Krefeld

Ein mittelloser Künstler verkauft 1943 eine Trachtensammlung für heute umgerechnet zwei Millionen Euro an die Gewebesammlung in Krefeld. Dieser mittellose Grafiker namens Paul Prött (1881 bis 1964) soll dann irgendwo 1945 gestorben sein. Sehr viel mehr weiß das Team um Dr. Annette Schieck, Leiterin des Deutschen Textilmuseums Krefeld, nicht, als sie vor über einem Jahr mit ihren Nachforschungen an den fast 900 Objekten beginnen. Ein so großer Bestand, der während des Nationalsozialismus an die Gewebesammlung (Vorgänger des Textilmuseums) gelangt, wirft zahlreiche Fragen über den mutmaßlichen Sammler und die Herkunft der Objekte auf. „Wir sind das erste Museum in Deutschland, das sich in der Provenienzforschung so umfangreich ausschließlich mit Textilien beschäftigt“, sagt die Museumsleiterin. Was die Wissenschaftlerinnen bislang herausgefunden haben, gleicht einem spannenden und noch nicht abgeschlossenen Kriminalfall. Ihre Ermittlungsergebnisse präsentieren sie in der Ausstellung „Tracht oder Mode – Die europäische Sammlung Paul Prött“. Zu deren Eröffnung kamen 1200 Besucher in das Deutsche Textilmuseum Krefeld.

Die Sammlung Prött umfasst rund 900 Objekte von Schmuck über Bekleidung bis Trachtenteilen mehrheitlich aus Europa, aber auch aus Afrika und Asien. „Der Bestand war in der Sammlung immer etwas Besonderes“, sagt Projektbearbeiterin Dr. Uta-Christiane Bergemann. Denn entgegen der Tradition der Gewebesammlung nur Stoffbeispiele zu bewahren, kamen mit den Trachten erstmals komplette Kleidungsstücke dazu. „Es gibt jedoch keine vollständig Tracht in der Sammlung“, so Dr. Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Museumsleiterin. Es handelt sich vielmehr um Einzelteile wie Jacken, Hauben oder Röcke – vermutlich um einen anschaulichen Vergleich zu ermöglichen. „Die Stücke sind zum Teil sehr alt, einige stammen sogar aus dem 18. Jahrhundert“, berichtet Bergemann. Durch die genaue Analyse der Objekte, in diesem Fall anhand der Arbeits- und Gebrauchsspuren wie Größenänderungen an den Kleidern, kann eine Nutzung in den 1930er und 1940er-Jahren und damit ein Raub direkt von möglichen Trägern inzwischen ausgeschlossen werden. „Das ist für uns eine große Erleichterung. Die Kleidungsstücke besaßen zu diesem Zeitpunkt bereits einen musealen Charakter“, sagt Schieck.

Über die konkrete Herkunft der Trachten und des Schmucks liegen bislang nur Indizien vor: Die spärlichen Hinweise wie Nummern in den Kleidungsstücken lassen lediglich Vermutungen über die Erwerbsquellen zu, beispielsweise aufgelöste Kostümverleihe. Auch hat Paul Prött auf seinen Reisen unter anderem nach Südosteuropa auf lokalen Märkten selber neuwertige Objekte eingekauft. Darauf deuten seine Radierungen hin. Seine Motivation bleibt fraglich. Prött besaß zudem keine finanziellen Mittel, nicht vor und nicht nach dem Handel mit der Gewebesammlung. Der Ankauf in Höhe von 120 000 Reichsmark lag höher als der Jahresetat der städtischen „Höheren Fachschule für Textilindustrie“, in dessen Eigentum sich die Gewebesammlung befand. Die Akten aus dieser Zeit existieren noch, ein entsprechender Eintrag fehlt, so dass die Stadt als Finanzier ausscheidet.

Dass sich Prött angesichts dieser Summe als Strohmann für einen Dritten verdingte, drängt sich immer mehr auf. Weil er weder die NSDAP-Mitgliedschaft besaß, noch in einer NS-Organisation eingebunden war, hätte er im Ausland als Einkäufer völlig unbelastet agieren können. Da er vor 1933 selbst als Kunsthändler tätig war, wären ihm die Strukturen dieses Handels und Bezugsquellen bekannt gewesen. Als sein Auftraggeber käme eine NS-Behörde oder NS-Organisation in Betracht, die sich weitestgehend mit dem Thema „Bauerntum“ beschäftigte. Wie und warum die Sammlung dann 1943 nach Krefeld kam, ist unbekannt. Dass dies nach dem großen Bombenangriff geschah, ist sehr wahrscheinlich. In diesem Jahr setzt Prött sich aus Berlin Richtungen Hagen und Wuppertal ab, wo er mehrfach ausgebombt wurde. Ob er dabei Renate Jaques (1908 bis 1980) folgte, vieles spricht dafür. Die spätere Leiterin der Gewebesammlung (ab 1946) wohnte bereits in Berlin in der Nähe Prötts, sie zog in den 1940er-Jahren auch nach Wuppertal und pflegte zu dieser Zeit enge Kontakte nach Krefeld. Vor allem verband beide das Interesse an Trachten. Wie Prött während des Krieges seine Sammlung in den Westen transportieren konnte, bleibt offen, sie kam auf jeden Fall in einer Zeit in Krefeld an, in der zahlreiche Einwohner vor den Ruinen ihrer Häuser und Wohnungen standen. Auch das Gebäude der Gewebesammlung lag in Schutt und Asche.

Bei der Recherche der Biographie von Prött half den Wissenschaftlerinnen ein glücklicher Zufall. Dr. Hermann-Victor Johnen, ein Verwandter Prötts, aus Remagen las über das Forschungsvorhaben im Internet und meldete sich im Krefelder Museum. Dabei berichtete er von Nachfahren in den USA, die heute in Cincinnati leben. Dort lebt nach dem Zweiten Weltkrieg auch Paul Prött bis etwa 1957 bei seiner Stieftochter. Zwar bracht er noch einer Trachten und Schmuck mit in die Vereinigten Staaten. „Von der Sammlung in Krefeld haben sie aber nichts gewusst“, sagt Johnen. Prött kehrte nach Westdeutschland zurück, wohin ist nicht geklärt. Er starb 1964 in Mülheim an der Ruhr.

Katalog erscheint bald

Zur Ausstellung „Tracht oder Mode – Die europäische Sammlung Paul Prött“ erscheint ein umfangreicher Katalog (450 Seiten) zum Preis von 49 Euro. Das Deutsche Textilmuseum Krefeld am Andreasmarkt 8 ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Öffentliche Führungen werden mittwochs und sonntags um 14.30 Uhr angeboten.

Mit der Ausstellung „Tracht oder Mode – Die europäische Sammlung Paul Prött“ endet der erste Teil der fünfjährigen Projektreihe „Ans Licht“, die von der Sparkassen-Kulturstiftung Krefeld in Höhe von 250.000 Euro unterstützt wird. National wie international anerkannte Wissenschaftler erhalten die Aufgabe, jeweils einen thematisch und kulturell zusammenhängenden Bereich in Zusammenarbeit mit Museumsmitarbeitern zu analysieren, einen Bestandskatalog zu verfassen und ein Ausstellungskonzept zu entwickeln und umzusetzen. Es sind insgesamt vier Forschungs- und Ausstellungsvorhaben vorgesehen sowie ein Online-Auswahlkatalog zur Sammlung des Textilmuseums.