Parkdecks als Theaterbühne: Krefeld entdeckt seine „Stadtkultur“

Das oberste Parkdeck des Kaufhofs könnte bald Veranstaltungsort für "ParkPlatzPerformances" werden. Foto: Stadt Krefeld

Theater und Konzerte auf Parkdecks, Gedichte im Vorbeigehen und virtuelles Boxtraining auf Burg Linn: Der Krefelder Perspektivwechsel schafft auch in diesem Jahr ungewöhnliche Verbindungen und unerwartete Erlebnisse. Aus zahlreichen Vorschlägen der Bürgerschaft haben das Stadtmarketing, die Wirtschaftsförderung und der Chempark Uerdingen fünf Projekte zum Thema „Stadtkultur“ ausgewählt, die finanziell gefördert und in der zweiten Jahreshälfte umgesetzt werden. Wie im Projektaufruf gefordert, handelt es sich um Formate, die in der Innenstadt oder in den Stadtteilzentren spielen, Analoges mit Digitalem verbinden und Menschen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zusammenbringen.

ParkPlatzPerformances

Das Projekt „ParkPlatzPerformances“ von Theaterregisseur Franz Mestre und Event-Unternehmer Gregor Ilbertz nimmt drei Gruppen in den Fokus, die besonders unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie gelitten haben: Künstler, Veranstaltungstechniker und den Einzelhandel. Zunächst werden für das Format Stimmen, Geräusche und audiovisuelle Clips aus dem Krefelder Alltagsleben gesammelt. Die Ergebnisse werden in drei Akten auf Krefelder Parkdecks präsentiert – mal als Impro-Theater, mal als Konzert, mal als Talkshow. „Ort und Datum stehen noch nicht fest, aber ich denke, wir können uns auf ein spannendes Format freuen. Hier hat uns besonders gefallen, dass die Bürgergesellschaft so intensiv an dem Projekt mitwirken kann“, sagt Eckart Preen, Dezernent für Wirtschaft und Digitales und Chef der Wirtschaftsförderung.

Lyrik macht Stadt

Das zweite Projekt „Lyrik macht Stadt“ wurde vom Niederrheinischen Literaturhaus und dem Verein Literatur in Krefeld entwickelt, und zwar gemeinsam mit den Hochschulen Niederrhein und Düsseldorf. Vom 10. bis 14. November bringen die Initiatoren mit diesem kleinen Festival 21 Gedichte heutiger Autoren in die Innenstadt. Die Lyrik wird multimedial erlebbar: über Plakate, auf den Boden gesprühte Verse, Lautsprecher an Laternen und in Geschäften, über eine Filmstation und über Live-Aktionen am „Lyriksamstag“. In den Gedichten dreht sich alles um das Leben in der Innenstadt – zum Beispiel um (zu) späte Einwürfe in den Glascontainer, helmbewehrte Radfahrer mit breiten Ellenbogen, nächtliche Ampeln, deren Lichter sich in Pfützen spiegeln, Heimatgefühle und Erfahrungen der Fremde.

Crossover Burg Linn

Mit dem „Crossover Burg Linn“ wird auch ein Format gefördert, das seit seiner Premiere im Jahr 2018 bereits viele treue Fans gefunden hat. „Hier zeigt sich, dass der Perspektivwechsel nicht zwingend Neues schaffen muss – es kann auch reizvoll sein, das Altbewährte weiterzuentwickeln. Wir sind ja schon im sechsten Jahr, und das Zusammenbringen unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure funktioniert an vielen Stellen schon sehr gut“, sagt Mario Bernards, Leiter Politik- und Bürgerdialog im Chempark. So wird die Kultur- und Sportveranstaltung in diesem Jahr als „Phantastisches Crossover Burg Linn“ an den Start gehen. Am 28. und 29. August sind erstmalig digitale Hybridangebote Teil des Programms. Dazu gehören E-Sport-Elemente wie digitales Boxen oder ein Outdoormuseum, das Exponate per QR-Code digital in die Parklandschaft integriert. Zudem wird es ein App-Actionspiel für Kinder geben. Durch die Hybridangebote wird auch das Linner Stadtteilzentrum verstärkt eingebunden und in den Fokus gerückt.

Eine künstlerische Reise

Das vierte Projekt ist eine Gemeinschaftsarbeit der Künstlerin Mauga-Houba Hausherr, des Linner Bürgervereins und der Firma Formkultur. Mauga hat sich im Frühjahr anhand der Zeichnungen der Künstlerin Agnes Kaiser (1865-1931) auf eine Reise durch Krefeld begeben. Über 40 Motive vom Beginn des 20. Jahrhunderts wurden somit in die Sprache der heutigen Künstlerin übersetzt. Das Linner „Urgestein“ Hubert Jeck, das 35 Jahre lang als Wirt der Szenekneipe „Café Konkurs“ die Kultur im Stadtteil mitgeprägt und miterlebt hat, wird die Kunstwerke durch Anekdoten und Zukunftsvisionen auditiv begleiten. Die digitale und grafische Umsetzung wird durch Formkultur mit Hilfe einer App realisiert.

Kunstraum zur Klausur

In Hüls soll mit dem „Kunstraum zur Klausur“ ein Ort der künstlerischen und geistigen Interaktion geschaffen werden. Der Bildhauer Georg Zimmermann und die Bürgerinitiative Lebenswertes Hüls planen unter anderem Gesprächskreise, die sich mit philosophischen Fragen hinsichtlich Kunst, Politik, Wirtschaft und Umwelt beschäftigen. Auch Lesungen mit unbekannten Autoren und weitere kleine Kulturveranstaltungen sind angedacht. Die Gesprächsformate sollen aus dem Atelier heraus geschaffen werden und von dort in den Straßenraum hineinwirken. Über eine Website sind die Veranstaltungen auch im Netz abrufbar.

Durch die Mischung aus analogen und digitalen Elementen sind die meisten Projekte auch unabhängig von der jeweils geltenden Pandemielage umsetzbar. Andere Vorschläge, die aus der Bürgerschaft eingereicht wurden, schafften es zwar diesmal nicht in die Auswahl, werden aber anderweitig weiterverfolgt. „Das Schöne an solchen Wettbewerben ist, dass wir auf diese Weise auch nach vielen Jahren noch neue Menschen kennenlernen, die spannende Ideen für Projekte haben. Darunter war diesmal sogar eine ganze Schulklasse, die aktuell eine App zum Thema Nachhaltigkeit entwickelt“, erzählt Claire Neidhardt, Leiterin des Stadtmarketings. Diese und weitere Ideen will sie mit ihrem Team nun auf anderen Wegen unterstützen und begleiten.