1966: 15.000 Zuschauer jubeln Marathon-Meister „Kalle“ Sievers zu

Der Sieger Karl-Heinz Sievers im Ziel. Gratulanten und Autogramm-Jäger standen zum Teil Schlange. Foto: Stadt Krefeld
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„Marathon-Hochburg Krefeld“ – dass diese Überschrift einst in der Bild-Zeitung erschien, mag heute kaum mehr vorstellbar sein. „Jetzt ist es bewiesen: Das Herz des deutschen Marathonsports schlägt in Krefeld“, hieß es damals weiter in Deutschlands größer Boulevard-Zeitung. Tatsächlich gab es eine Zeit, in der die Samt- und Seidenstadt dank des Krefelder Turn- und Sport-Vereins Preussen 1855 (KTSV) führend war im deutschen Ausdauersport. Der vorläufige Höhepunkt war schließlich am 9. Juli 1966 – also vor 55 Jahren – erreicht, als unter den Augen von 15.000 frenetischen Zuschauern die Deutschen Meisterschaften im Marathon in Krefeld ausgetragen wurden. Auf einem 5,735 Kilometer langen Rundkurs durch Verberg, Bockum und den Stadtwald drehten die Läufer Runde um Runde, ehe nach 2:24:56 h Karl-Heinz Sievers von Preussen Krefeld als Erster die Ziellinie überquerte. Dass die Mannschaft des Ausrichters ebenfalls den Meistertitel holte, passte perfekt in die Dramaturgie, die sich die Preussen, allen voran Karlfried Maluga, erhofft hatten.

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Jenem Maluga verdankten die Preussen in den 1960er-Jahren den Wandel vom Sprinterzentrum hin zur Marke im Mittel- und Langstreckenlauf. Der 33-Jährige war Anfang 1964 vom Barmer TV zu den „Rothosen“ gewechselt. Drei Jahre wohnte er da schon berufsbedingt in Krefeld, ehe ihn Leichtathleten ansprachen, ob er sich ein Engagement in Krefeld vorstellen könne. Die Entscheidung fiel schließlich nach einer Unterredung mit dem damaligen Sportdezernenten Theo Fabel zugunsten der Preussen. In seinem „ersten Sportlerleben“ war Maluga Hockey- und Handball-Spieler beim VfL Bochum. Recht zufällig und spät, nämlich als 19-Jähriger, war er zum Laufsport gekommen. Dank Trainingsfleiß brachte er es 1954/1955 zu einem der zehn besten Marathonläufer Deutschlands, musste dann aber verletzungsbedingt die Schuhe an den Nagel hängen. Als Assistent seines einstigen Trainers Arthur Lambert reifte er schließlich ebenfalls zum Coach und beeinflusste die berühmte Barmer Laufschule wesentlich.

Sein Engagement in Krefeld sprach sich in der Szene rasch herum, viele starke Läufer schlossen sich dem KTSV an. „Wir waren eine große Gruppe, bestimmt 40 Leute. Alle kannte ich aber auch nicht, weil viele auswärts wohnten und trainierten“, erinnert sich Karl-Heinz Sievers. Er hatte sich, wie auch sein Laufkollege Hermann Tonnemann, seinerzeit jedoch für einen Wohnortwechsel entschieden und war aus Wilhelmshaven bei Maluga als Untermieter eingezogen. Sievers verdiente sein Geld als kaufmännischer Angestellter im Lebensmittelbereich. „Geld konnte man mit unserem Sport nicht verdienen. Wir waren reine Amateure, sind aus Spaß an der Freud‘ gelaufen. Für erfolgreiche Läufer gab es lediglich geringe Summen über die Sporthilfe oder den Ausrüster und hier und da Sachpreise wie zum Beispiel Uhren“, so Sievers, mittlerweile in Sankt Tönis heimisch.

Faible für den Stadtwald, Krefelds „grüne Lunge“

Maluga hatte ein Faible für den Krefelder Stadtwald: Noch beim Barmer TV im Amt hatte er in Krefelds grüner Lunge schon einen Marathon-Klubkampf zwischen dem BTV und Tusem Essen ausgerichtet. „Nur Krefeld bot dafür Voraussetzungen, die man auf den Wegen im Stadtwald geradezu als ideal bezeichnen kann“, begründete er. Da passte es, dass die Houbert-Houben-Kampfbahn, Heimat der Preussen am Appellweg, nur einen Steinwurf vom Stadtwald entfernt lag. Maluga damals zur Westdeutschen Zeitung: „Wenn wir von der Aschebahn auf die Straße gehen müssen, dann sind die vielfältigen Strecken im Krefelder Stadtwald geradezu ideal und im Bundesgebiet kaum irgendwo so gut, geschweige besser.“ Er hatte bald schon eine feste 3,9 Kilometer lange Runde, genannt „Marathonstrecke“ etabliert: Über die Hüttenallee ging es links in die Zwingenbergstraße bis zum Gut Heyenbaum, hier wieder links und rein in den Stadtwald. Den Europaring gab es in der heutigen Form noch nicht, es gab also keine Querung, geschweige denn eine Ampel, die die Läufer hätte stoppen können. Die Strecke folgte der Straße an der Rennbahn entlang und führte wieder auf die Hüttenallee. 1964 luden die Preussen auf diesem Geläuf zum Halbmarathon und 1965 gar zum Marathon – entsprechend viele Runde waren zu absolvieren. Absoluter Star war 1965 Leonhard „Buddy“ Edelen, US-amerikanischer Meister und der erste Mensch, der jemals unter 2:15:00 Stunden gelaufen war. Seine 2:14:28 h waren seinerzeit Weltrekord. Zigtausende ließen sich das nicht entgehen und säumten die Strecke. Sie sahen Buddys überlegenen Sieg in 2:21:00 h vor Lothar Reinshagen (VfL Eintracht Hagen, 2:28:34 h). Heinz Speckmann führte damals die Preussen-Mannschaft an und wurde in 2:31:09 Fünfter, und zusammen mit Ivan Mustapic und Hermann Tonnemann Zweiter in der Mannschaftswertung. Weitere Preussen-Läufer folgten und unterstrichen die Ambitionen der Rothosen, die sich nun um die Austragung der Deutschen Meisterschaft im Marathon bewarben.

Ende 1965 erhielt der KTSV dafür schließlich die Zusage vom Deutschen Leichtathletik Verband (DLV). Der DLV ließ sich dabei auf ein Experiment ein: Erstmals in der Geschichte der Deutschen Marathon-Meisterschaften ging es für die Läufer auf einen Rundkurs. Der DLV wollte sich allerdings nicht mit Malugas Marathon-Strecke abfinden, sondern wünschte sich eine fünf bis sechs Kilometer lange Runde. Kein Problem für die Preussen, die mit ihrem Obmann Willi Limberg, Ehemann der mehrfachen Deutschen Meisterin im Diskuswurf Kriemhild Limberg, und Maluga zwei emsige Arbeiter vorweisen konnten. Statt, wie ursprünglich nach links in die Zwingenbergstraße abzubiegen, bog der Kurs nun rechts ab, vorbei am Dungradtshof und dann nach links in die Leutefeldstraße, auf die Gatzenstraße bis zu Gut Heyenbaum und schließlich in den Stadtwald auf den ursprünglichen Kurs. Nach offizieller Messung war die Rundstrecke 5.735,60 Meter lang. Zu Beginn des Rennens musste also vom Start/Ziel an den Hockeyplätzen des Crefelder HTC eine 2.045,80 Meter lange Schleife über die Hüttenallee/Wilhelmshofallee bis Höhe Buschstraße gedreht werden, ehe sieben Runden folgen sollten.

Eine Verpflegungsstelle war am Eingang der Rennbahn geplant. Wer etwas auf sich hielt, schaute das Rennen übrigens hier – und zwar auf den Logenstühlen, auf denen sonst die Prominenz bei den Galopprennen Platz nahm. Überschwänglich äußerte sich der Ausrichter im Veranstaltungsheft zur Idee des Rundenlaufens: „Der Rundstrecke an sich wird unseres Erachtens die Zukunft gehören. Bei der heutigen Verkehrsdichte wird es kaum noch möglich sein, in der Nähe eines Stadions eine Strecke von fast 21,5 Kilometer Länge zu finden, ohne kaum zu bewältigende Verkehrsprobleme auszulösen. Die Rundstrecke bietet auch für die Läufer größere Abwechslung. Das Feld zieht sich nach einer Runde schon auseinander. So haben die Spitzenläufer und nach ihnen fast alle anderen immer wieder die Möglichkeit, langsamere Läufer zu überholen. Die Spitze ist nicht mehr so wie bei der üblichen Strecke auf sich alleine gestellt. Hoffen wir, dass sich diese Vorteile auf die Zeiten der Läufer auswirken werden.“ Um es vorneweg zu nehmen: Es gab einige, die nach dem Rennen die Strecke verfluchten: Ludwig Müller, der Held von Augsburg, nannte es eine „verteufelte Strecke“ und der spätere Zweite Wiggershaus monierte sich über den „baumlosen Teil, die lange Straße“ -gemeint ist die Gatzenstraße.

Ursprünglich hatte der DLV die Meisterschaft auf den 16. Juli angesetzt. Als aber feststand, dass zeitgleich die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in England auf Argentinien treffen wird, bemühten sich die Preussen um eine Verlegung auf den 9. Juli. Natürlich stimmten alle zu, König Fußball regierte schon damals die Welt. Ein absolutes Spitzenfeld war schließlich nach Krefeld gereist – die Rheinische Post schrieb, „wohl nie hat eine Deutsche Marathonmeisterschaft so viele Läufer der absoluten Spitzenklasse am Start gesehen“. Doch wer der 214 gemeldeten Läufer würde gewinnen und sich für die damals hoch angesehene Europameisterschaft in Budapest qualifizieren? Diese war, neben den Olympischen Spielen, nämlich der Höhepunkt im Leichtathletikkalender und fand, genau wie die Spiele, nur alle vier Jahre statt. Weltmeisterschaften gab es noch nicht, sie kamen erst 1983 hinzu.

Der DLV hatte dafür die Norm auf 2:25:00 h, das entspricht einer Durschnitts-Pace von 3:26 Minuten pro Kilometer (min/km), gesetzt, und es gab einige, die in diesen Bereich laufen konnten. Favorisiert waren ohne Frage Vize-Meister Hubert Riesner (SCC Berlin) und Titelverteidiger Lothar Reinshagen (Eintracht Hagen). Letzterer konnte sich bei den vergangenen sechs Titelkämpfen viermal unter den Top-Sechs platzieren, viele wetteten deswegen auf ihn. Auch Karl-Heinz Paetow und Wolfgang Fricke (beide Hamburger SV) hatten einige auf dem Zettel. Die Preussen hofften derweil auf Speckmann, der mit einer Jahresbestzeit von 2:23:56 h aufwartete, auf den asketischen Karl-Heinz Sievers, auf Hermann Tonnemann und Manfred Bressel sowie auf vier weitere starke Läufer.

Speckmann galt mit seinen 34 Jahren als erfahrener Fuchs, Sievers mit gerade einmal 23 Lenzen dagegen als Benjamin des Teams. Er hatte im Vorjahr bei der DM in Duisburg bis zu Kilometer 35 geführt, ehe ihn Magenkrämpfe auf den fünften Rang zurückwarfen. „Er war bestimmt nicht der beste Läufer, mit Sicherheit aber einer der fleißigsten“, weiß Rolf Klupsch, langjähriges Vorstandsmitglied der Preussen. Sievers‘ Trainingspensum war enorm, nicht selten trainiert er gleich zweimal am Tag, mindestens einmal davon im Belastungsbereich.

Zumindest von ihm wurde ein offensives Rennen erwartet, stand er 1966 nämlich noch ohne Marathon-Ergebnis dar, um sich für die EM zu empfehlen. Gleichzeitig, oder sogar vielmehr als auf einen Einzelsieg, hofften die Rothosen, allen Voran ihr „Macher“ Maluga, auf den Mannschafts-Titel, der damals einen sehr großen Stellewert hatte. Noch im vergangenen Jahr hatte das Trio Speckmann, Sievers, Tonnemann bei der DM mit 70 Sekunden das Nachsehen gegen Eintracht Hagen. Jetzt brannten die Krefelder auf eine Revanche, an die allerdings nur die kühnsten Optimisten glaubten. Zu stark schien der Vorjahressieger.

Und dann ist es endlich soweit, der 9. Juli 1966 ist gekommen. Am Vormittag versammeln sich noch rund 20 Funktionäre zu einem Empfang der Stadt Krefeld im Rathaus. Oberbürgermeister Herbert van Hüllen dankt dabei dem KTSV, aber auch den vielen Helfern aus den Reihen der Bürgerschaft, der Polizei und anderer Vereine. Preussens Vorsitzender Josef Koerver überreicht ihm im Gegenzug einen der Keramikteller, den später auch die Sieger erhalten werden. Wie ernst sein Dank ist, darf allerdings bezweifelt werden. Im Vorfeld hatten die Preussen mit der Stadt den ein oder anderen Kampf um monetäre Unterstützung geführt, stießen dabei jedoch auf großen Widerstand. Die Vertreter der Verwaltung zierten sich nämlich mit zu viel Zuwendung und verwiesen stets auf die angespannte finanzielle Lage der Stadt. Am Ende flossen aus dem Säckel des Sportamts lediglich 1.250 Mark. Vom Oberbürgermeister kamen, neben der Ausrichtung des Empfangs, 300 Mark. Zudem erhielt jeder Teilnehmer eine Anstecknadel mit dem Wappen der Stadt. Die dafür bilanzierten 350 Mark stiftete das Amt für Wirtschaft und Verkehr, das auch „Prospektmaterial“ zur Verfügung stellte.

Während die Funktionäre im Rathaus Reden schwingen, sich zuprosten und Schnittchen verspeisen, wird es draußen drückend-schwül und warm. Morgens hatte es noch geregnet, nun scheint aber die Sonne und der Asphalt dampft – wer wohl in diesem Glutofen den besten Hitzeschutz vorhält? Um 15 Uhr fällt schließlich der Startschuss für die 176 Teilnehmer und 30 Mannschaften (drei Teilnehmer stellen eine Mannschaft) durch Jakob Böllertz. Unter die Starter haben sich tatsächlich die besten deutschen Läufer gemischt, aber auch einige regionale Teilnehmer sind dabei. So starten für den OSC Waldniel Wirths, Backhus, Boers, Schütz, Rose und Henrix, für den TuS Meerbeck (Moers) Jürgen Bergmann, für den TV Mönchengladbach Hans Kruers und für DJK/Kempener LC Goths, Heuven, Schröder, Widorski und Wilms.

Ebenfalls dabei: Das Essener Urgestein August Blumensaat, der „Held von Augsburg“ Ludwig Müller bei seinem ersten Marathon überhaupt und der mit 57 Jahren älteste – und stets lächelnde – Heinz Mennecke aus Bremen. Er ist schon jetzt einer der Publikumslieblinge und wird im Verlauf des Rennens jede Anfeuerung mit einer Dankesgeste beantworten. Nach 1.022,90 Metern wenden die Läufer im Bereich der Buschstraße und kommen wieder am Start/Ziel-Bereich beim Crefelder HTC vorbei, angeführt von einem Polizei-Moped. Die Menge johlt und die Stimmung ist bombastisch. Ordner und Polizei haben Mühe, den Läufern einen entsprechenden Korridor zu gewähren, so sehr drängen sich die Zuschauer auf die Straße. Es sind Szenen wie bei der Tour de France, wenn sich die Radfahrer bei Bergankünften durch die Zuschauermassen schieben. Coca-Cola macht die Runde, für die Läufer steht Dextro Energen bereit.

Doch schon wenig später der erste Schreck: Hubert Riesner muss das Rennen, geplagt von Ischiasschmerzen, nach vier Kilometern noch in der ersten Runde beenden. Zerknirscht und den Tränen nahe nimmt der Berliner später auf der Tribüne Platz, wo er sich von Dr. Ernst van Aaken behandeln lässt. Er hatte sich viel ausgerechnet. „Ich konnte nicht mehr weiter. Die Schmerzen unterhalb der Hüfte waren zu stark. Ich weiß nicht, was es eigentlich ist. Auch der Arzt konnte mir keinen genauen Bescheid geben. Schade, ich fühlte mich gut in Form“, so der Pechvogel zur Neuen Rhein Zeitung (NRZ). Die Zwischenzeit bei der Fünf-Kilometer-Marke tönt aus dem Lautsprecher: 16:55 Minuten (3:23 min/km), in Führung liegen Paetow und Speckmann, beide mit etwas Abstand zum Pulk. Speckmann unterstreicht dann seine Ambitionen und führt nach zehn Kilometern in 34:00 min (3:24 min/km).

Am Ende der zweiten Runde (circa 13.500 Meter) sehen die Zuschauer jedoch nicht mehr den Lokalmatador, sondern den Hamburger Fricke in Führung, dahinter mit geringem Abstand Reinshagen, Wiggershaus, Paetow, Vellage, Müller, den gut aufgelegten Bergmann und die Preussen Sievers, Speckmann und Oswald Charnitzky, der sich aber früh zu verausgaben scheint. Der als dritter Mann für die Preussen-Mannschaft vorgesehene, aber angeschlagene Tonnemann läuft dagegen hinterher. Ist das schon das frühe, zu frühe Aus für die Preussen? Kurz danach erreichen Fricke, Paetow, Speckmann, Sievers und Reinshagen bei 50:46 min (3:23 min/km) die 15-Kilometer-Marke.

„Wir vier liefen immer noch schön zusammen“

Dann aber trennt sich das dichte Führungsfeld: Bei Kilometer 18 legen die Hamburger Paetow und Fricke einen Zwischenspurt hin und reißen es damit auseinander. Bei Kilometer 20 führen sie in 1:07:39 h (3:23 min/km) mit 13 Sekunden vor Speckmann und Wiggershaus, Sievers liegt 27 Sekunden hinter der Spitze zurück. Vor allem Fricke macht jetzt Druck, er überquert bei 1:11:25 h (3:23 min/km) die Halbmarathon-Marke und hat seinen Teamkollegen Paetow (1:11:38 h) schon etwas distanziert. Es folgen Speckmann (1:11:45 h) und Wiggershaus (1:11:47 h). Alle liegen damit voll auf Kurs für die EM-Norm. Fricke, Paetow und Speckmann ziehen dann noch einmal das Tempo an, ihnen folgt, mit einem Abstand von rund hundert Metern, das Quartett Wiggershaus, Reinshagen, dem Petersberger Axt und Sievers, der sich erinnert: „Wir vier liefen immer noch schön zusammen und wechselten uns in der Führungsarbeit ab.“

Fricke hatten die Experten durchaus auf dem Schirm, er war im Vorjahr immerhin Dritter und hat schon mehrfach sein Können unter Beweis gestellt. Aber Paetow? Von dem einstigen Halter des deutschen Rekords über die 30 Kilometer weiß man, dass er zu oft an seiner unzulänglichen Taktik scheitert. Soll es diesmal etwa anders sein? Nein: Der Hanseat beendet sein Rennen bei Kilometer 23/24, die Muskeln quittieren den Dienst. Mal wieder hat er hoffnungslos übertrieben und dafür die bittere Rechnung erhalten. Oder war es etwa nur ein Manöver des HSV, ihn als Pacemaker für Fricke einzusetzen? Wer weiß – immerhin werden die Hamburger von Altmeister Max Syring betreut, der mit allen Wassern gewaschen ist. Ihm wäre ein solches Manöver zuzutrauen.

Durch den Ausfall Paetows sind die Hamburger allerdings auch ihrer Chance in der Mannschaftswertung beraubt. Eintracht Hagen übernimmt hier nun die Führung, und zwar deutlich mit rund 90 Sekunden vor den Hausherren, die mit Tonnemann einen zu langsamen Läufer im Team haben. Malugas Hoffnung auf den Mannschaftstitel hält neben Speckmann und Sievers nun Manfred Bressel am Leben: Voller Tatendrang läuft er locker an Charnitzky und Tonnemann vorbei und macht auch danach viel Boden gut. Allerdings liegt er deutlich hinter dem dritten Hagener und es stellt sich natürlich die Frage, ob er sein Tempo halten kann. Und wie schaut es bei seinen Mannschaftskameraden aus? Nicht mehr als passabel: Speckmann kann das Tempo von Fricke nicht mehr ganz mitgehen, und Sievers läuft weiterhin in der Verfolgergruppe. Da muss also noch etwas kommen. Maluga weiß aber auch, dass er das Unterfangen „Mannschafts-Titel“ eigentlich begraben kann, wenn jetzt ein weiterer seiner Mannen ausfällt. Und das kann bei einem Marathon immer passieren.

Als Fricke auf das Tempo drückte

Unbeeindruckt vom Aus seines Vereinskameraden Paetow drückt derweil Fricke an der Spitze weiter aufs Tempo. Seine Zeit bei Kilometer 25, als es in die fünfte Runde geht: 1:24:20 h (3:22 min/km), für die letzten fünf Kilometer hat er lediglich 16:43 min benötigt, das bedeutet eine Verschärfung auf 3:21 min/km. Dem können nicht mehr alle folgen. Sievers liegt nun 40 Sekunden zurück, macht aber zumindest noch einen frischen Eindruck. Er hat den schwächelnden Speckmann an der 25-Kilometer-Marke überholt und schließlich zum Hagener Wiggershaus aufgeschlossen, der sich aus dem Quartett kurz vorher gelöst hatte. Zudem kann er sich auch auf die vielen Zuschauer verlassen, die die heimischen Läufer natürlich besonders anfeuern.

Titelverteidiger Reinshagen dagegen scheint schon geschlagen (1:25:30 h). Viele Experten hatten vor dem Rennen auf ihn gesetzt, dass er diese Lücke aber noch einmal schließen kann, glauben jetzt nur noch die wenigsten. Der Großteil der begeisterten Zuschauer traut nun dem entfesselt laufenden Hamburger Fricke, sonst eigentlich auf der 10.000 Meter Strecke zu Hause, den Sieg zu, denn er kann das Tempo auch weiterhin hochhalten und liegt bei Kilometer 28 1:10 Minuten vor Sievers, der das Tempo aber ebenfalls verschärft. Bei Kilometer 30 führt Fricke in 1:42:05 h (3:24 min/km) mit 300 Metern und 50 Sekunden Vorsprung auf Sievers (1:42:55 h), der zunächst Reinshagen bei Kilometer 26 (40 Sekunden hinter Sievers) und dann Wiggershaus bei KM 28 (15 Sekunden hinter Sievers) und hinter sich gelassen hat.

Die Hitze macht nun allen zu schaffen, die Kilometer-Zeiten werden merklich langsamer, es geht an die Substanz. Zum Glück können sich die Läufer aber auf die Zuschauer verlassen: Sie reichen Wasser und nasse Schwämme. Die Läufer biegen auf die vorletzte Runde, und die Spannung steigt. Denn jetzt wird sich zeigen, wer gut trainiert hat und dadurch mit den Verhältnissen am besten umgehen kann. Sievers scheint das sehr gut zu gelingen: Ab Kilometer 26 hatte er schon das Tempo verschärft, jetzt zündet er endgültig den Turbo, während der führende Fricke Sekunde um Sekunde einbüßt. Bei KM 31 führt dieser zwar noch mit 40 Sekunden, zwei Kilometer später ist es dann aber schon so weit.

Der Lokalmatador schließt auf und überholt den Hamburger spielend. „Jetzt gewinne ich mit einem klaren Vorsprung“, ruft er aus, Frickes Kommentar zu Sievers: „Mach es gut, du hast gewonnen!“. Allein zwischen dem 30. und 35. Kilometer hat der Preusse rund 100 Sekunden auf Fricke herausgelaufen und natürlich auch die anderen Konkurrenten weiter distanziert. Sievers Zeit bei Kilometer 35: 2:00:02 h (3:26 min/km). Er lässt keinen Zweifel aufkommen, wer jetzt den Ton angibt und wer am besten mit diesem Wetter zurechtkommt. Es folgen hinter Fricke Wiggershaus und Speckmann, der sein kleines Tief überwunden hat und nun mächtig Druck auf den Dritten macht. Dahinter läuft der weiterhin starke Bergmann. Reinshagen resigniert, und der hoch gewettete Tonnemann gibt entkräftet auf.

Die Menge jubelt, und ein Raunen macht sich breit

Weit in Führung liegend geht Sievers federnden Schrittes in die letzte Runde. Die Menge jubelt, und ein Raunen macht sich breit, als bekannt wird, dass auch Fricke (bei Kilometer 37) das Rennen beendet. Da hilft auch nicht, dass ihn Altmeister Max Syring noch zum Weitermachen ermutigt und Tipps für die letzten fünf Kilometer gibt, wenige hundert Meter weiter gibt er endgültig auf. „Ich konnte nicht mehr, ich war fix und fertig, nicht in den Beinen – ich bekam keine Luft mehr. Es war, als trüge ich einen Panzer um die Brust“, sagt er später der Neuen Rhein Zeitung. Wahrscheinlich hätte er aber so oder so keine Chance mehr gehabt, denn wie stark sich Sievers selbst in der letzten Runde präsentiert, unterstreichen seine letzten Zeiten. Zu Beginn seiner persönlichen „Triumph-Runde“ hat er auf den späteren Zweiten Wiggershaus 1:36 Minuten Vorsprung, im Ziel sind es dann satte 5:23 Minuten. Die 40-Kilometer-Marke überschreitet er bei 2:17:20 h (3:26 min/km), die Ziellinie bei 2:24:56 h (3:26 min/km), und zwar „frisch und mit glücklichem Gesicht“ (Westdeutsche Zeitung).

Sievers, vor Freude vollkommen aufgelöst, zur Rheinischen Post: „Die letzten neun Kilometer, in denen ich in Führung lag, glichen einem wahren Triumphzug. Von allen Seiten wurde ich angefeuert, denn es war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass es einen Krefelder Doppelsieg in der Einzel- und Mannschaftswertung geben würde. Um ganz ehrlich zu sein: Die letzten 400 Meter werden ich nie vergessen, konnte es noch mehr Begeisterung und Jubel für einen Sieg in der Einzel- und Mannschaftswertung geben als hier beim Krefelder Publikum.“ Auch seine Frau, die bei ihren Eltern in Nordfriesland mit der kleinen Tochter Sonja weilt, freut sich mit ihm, als sie von seinem perfekten Rennen erfährt.

Es ist sein erster Sieg bei einem Marathon, und dann gleich so einer. Nahezu alle Experten sprechen im Anschluss von einer taktisch klugen Meisterleistung, und das, obwohl Sievers vom Naturell eher einer war, der vorne mitging, als hinterher zu laufen. „Das war nie meine Art.“ In der Rheinischen Post schreibt Ludwig Hügen: „Wir entsinnen uns keines Laufes, in dem die Siege so überlegen, so überlegt herausgelaufen wurden wie diesmal.“ Heinz Westerteicher, mehrfacher Meister über die 1.500 Meter: „Paetow und Fricke sind ihrem Anfangstempo zum Opfer gefallen. Als Langstreckenläufer darf ich nicht zwischen 20 und 25 Kilometer so bolzen. Karl-Heinz Sievers zeigte von allen das klügste Rennen.“ In die gleiche Kerbe schlägt Jupp Lenge, Altmeister über die Marathonstrecke: „Die Spitze ging bei dieser feuchten Luft das Rennen zu schnell an. Das musste sich rächen. Sieger Sievers lief mit Köpfchen und nicht nur mit den Beinen. Das gab für ihn den Ausschlag.“ Titelverteidiger Reinshagen zeigt sich dagegen überrascht: „Mit dem Sieg von Karl-Heinz Sievers habe ich nicht gerechnet. Er war auf die Stunde fit. Ich gratuliere ihm gerne.“ Und Bundestrainer Hans-Werner von der Planitz kommentiert: „Diese sommerliche Schwüle war Sievers‘ Wetter.

Seine Zeit, mit der er die Norm für die EM erfüllt, ist die zweitschnellste bei einer Deutschen Marathon-Meisterschaft und kann, ob der Witterung, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Im Ziel wirkt Sievers zudem topfit, es scheint, als ob der neue Deutsche Meister gar nicht erschöpft sei. „Die anderen wollten nicht glauben, dass ich noch ein paar Kniebeugen machen könnte“, scherzt er gegenüber der Rheinischen Post. Und während er schon Glückwünsche entgegennimmt und Autogramme schreibt, kommen die weit distanzierten Konkurrenten ins Ziel: So wird der Hagener Wiggershaus Zweiter (2:30:19 h), da er gerade noch den Schlussangriff von Speckmann (2:31:15 h) abwehren kann. Als Vierter läuft Jürgen Bergmann (2:31:35 h, TuS Meerbeck) ein, gefolgt von Lothar Reinshagen (2:34:04 h) und Manfred Bressel (2:34:10 h). Gerade der Vorjahressieger zeigt sich zerknirscht und spricht von einer „Katastrophe“. Selbst als sein Nachfolger ihn versucht aufzumuntern, nickt er nur traurig.

Energieleistung sichert Preussens Sieg in der Mannschaftswertung

Umso erfreuter aber war Manfred Bressel. Seine Energieleistung, die Preussens Sieg in der Mannschaftswertung sichert, ist auch ein Verdienst von Maluga. Denn als dieser erkannte, dass es auf den Schlussläufer ankommen würde, um den Mannschaftstitel zu gewinnen, hatte er sich aufs Rad geschwungen und „Manni“ entsprechend angetrieben. Dieser kämpfte gerade mit Problemen. „Bei etwa Kilometer 30 war ich sauer, ich wollte aufgeben. Da kam mir Karlfried Maluga entgegen und informierte mich über den Stand der Mannschaftswertung. Das gab mir wieder Auftrieb. Ich kämpfte mich heran und bin nun über den sechsten Platz sehr glücklich“, schilderte Bressel nach dem Lauf der NRZ, wie sehr er sich durch den Motivationsschub noch einmal herankämpfte. Am Ende war es allerdings eine mehr als deutliche Sache: Die Preussen holten den Mannschaftstitel in 7:30:22 h mit großem Vorsprung vor Eintracht Hagen (7:52:41 h) und Olympia Wilhelmshaven (8:04:26 h). „Bei allem Optimismus, mit einem solchen Ausgang habe ich nicht gerechnet. Einzel- und Mannschaftsieger – ein herrliches Ergebnis für uns. Alle gaben ihr Bestes. Besonders gefreut habe ich mich über Manfred Bressel, der 14 Tage an einer Verletzung laborierte“, freut sich Maluga gegenüber der NRZ, und auch Willi Lemberg strahlt über beide Ohren: „Bei derartigen Erfolgen lohnt sich die Arbeit. Ich bin dennoch froh, dass wir es hinter uns haben.“ „Es ist einer der stolzesten Tage für den KTSV Preussen Krefeld“, schreibt die NRZ.

Und Preussens allmächtiger Vorsitzender Josef Koerver ergänzt: „Ein Erfolg der Kameradschaft. Ich schließe alle mit ein: Läufer, Trainer und Helfer. Ich bin stolz auf diesen Erfolg, der aus echter Gemeinschaftsarbeit entstand. Ein großer Tag in der Geschichte des KTSV Preussen.“ Der kann mit Werner Zaparty (Platz 19, 2:47:52 h) und Oswald Charnitzky (Platz 25, 2:49:58 h) weitere gute Erfolge einbuchen, muss neben Tonnemann aber auch Manfred Stranz und Karl-Heinz Bründt auf die Verlustliste schreiben. Von den regionalen Läufern überzeugt neben Bergmann vor allem Hans Kruers (TV Mönchengladbach), der in 2:40:40 h Zehnter wird. Klaus Widorski (71., 3:26:14 h) und Emil Goths (Kempen, 85., 3:45:13 h) schaffen es ebenfalls bis ins Ziel. Für Maluga ist die doppelte Goldstunde übrigens der Schlusspunkt seiner Karriere, er zieht sich danach aus dem Geschäft zurück.

Auf der abschließenden Feier am Abend im Haus Blumenthal sind die Preussen natürlich die glücklichsten Gäste, auch wenn sich der Teller für die Sieger als späterer Staubfänger erweist. „Keine Ahnung, was wir damit anfangen sollten. Das Teil war und ist einfach nur hässlich und liegt irgendwo tief vergraben bei mir rum“, sagt Sievers. Die Idee von Friedhelm Althaus, Vorsitzender des LV Niederrhein, die Teller anstelle von Medaillen zu überreichen, war also nicht die beste. Richtige Stimmung will bei der Feier leider nicht aufkommen, zu erschöpft sind die Läufer nach dem kräftezehrenden Tag. „Wir sind auch nicht mehr weitergezogen, um ins Krefelder Nachtleben abzutauchen“, so Sievers, der schon am Tag danach wieder die Schuhe schnürt und einige Kilometer abspult.

Für ihn persönlich ging es auch nach der Meisterschaft gut weiter: Bei der EM wurde er in 2:26:50 h glänzender 14., trotz eines Schwächeanfalls bedeutete das seine drittbeste Zeit. 1967 konnte er seinen Deutschen Meistertitel in Stuttgart verteidigen (2:23:48 h – PB, vor Riesner und Fricke), die Preussen-Mannschaft (Sievers, Tonnemann, Czarnietzki) holte Silber. Und fast hätte es 1968 in Berlin den Titel-Hattrick gegeben, doch ein Sturz kurz vor dem Ziel mit dem späteren Sieger Riesner ließ ihn auf Rang zwei zurückfallen. Auch mit der Mannschaft wurde es die Silbermedaille. Ein weiterer Krefelder machte nun langsam, aber sicher auf sich aufmerksam: Paul Angenvoorth (Bayer Uerdingen) wurde hinter Sievers Dritter. Die Krönung gab es dann bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City, bei denen er in 2:34:11 h den 23. Platz erreichte. „So etwas wie in Mexiko habe ich noch nie erlebt. Die Zuschauer waren mit einer Begeisterung beim Rennen, wie man sie gar nicht beschreiben kann. Ich bin mit meiner Leistung und mit meinem Abschneiden vollkommen zufrieden“, so Sievers zur Westdeutschen Zeitung, für die er vor und während der Spiele via Luftpost exklusiv berichtet hatte.

1969 gewann er den renommierten Paderborner Osterlauf, und 1970 noch einmal die Bronze-Medaille mit der Mannschaft bei den Deutschen Meisterschaften in Passau. Es war nach drei goldenen und fünf silbernen das letzte Edelmetall bei den „Deutschen“ für Sievers, ehe er sich im Sommer 1971, entschloss, schon als 28-Jähriger dem Leistungssport nach Verletzungsrückschlägen ade zu sagen, um sich verstärkt Beruf und Familie zu widmen. Zusätzlich zu den nationalen Erfolgen konnte er stolz auf eine EM-Teilnahme, eine Teilnahme an den Olympischen Spielen und zehn Länderkämpfen inklusive drei Einzelsiege (1967, 1969 und 1970) zurückblicken. Nach seiner aktiven Karriere war er zunächst Fürsprecher für ein Krefelder Leistungszentrum, das zu Beginn der 1970er Jahre zusammen mit dem PSV Krefeld und dem TV Oppum unter dem Namen „LAZ Krefeld“ gegründet wurde und bis 1975 Bestand hatte. Immer mal wieder angedacht wurde auch eine Kooperation beziehungsweise Fusion mit den Bayer-Leichtathleten, die allerdings nie zustande kam. Und auch im Vorstand der Preussen-Leichtathleten engagierte er sich, als stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender.

Preussen und seine Langlaufszene

Krefeld blieb für einige Jahre weiterhin eine Adresse für Langstreckenläufer. „Die Langlaufszene bei den Preussen wandte sich immer stärker von der Männer-Hauptklasse ab und dem Alterssport zu. Wobei wieder neue Namen wie Herrmann Müller, Willy Roggenbach, Hans Kirschke und Herbert Cordewener auftauchten, die in ihren Altersklassen zur absoluten Weltspitze gehörten“, heißt es auf der Website der Preussen (https://preussen-leichtathletik.de/vereinshistorie). Die Rothosen waren auch dafür verantwortlich, dass es weitere attraktive Wettkämpfe gab. So wurde 1972 im Stadtwald ein Länderkampf über 30 Kilometer zwischen Deutschland, der Niederlande und der Schweiz ausgetragen und in Stadtmitte trafen sich Läufer einige Male zu einem 25-Kilometer-Wettkampf am Westwall. 1976, also genau zehn Jahre nach der Deutschen Marathon-Meisterschaft, sollte es eine weitere in Krefeld geben. Und zwar wieder mit Sievers – diesmal allerdings im Organisations-Komitee. Und wieder sollte ein Krefelder die Nase vorne haben.

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